Fast alle Bilder in Ulrike Muderers neuesten Bilderreihe teilen gemeinsame Nenner. So sind sämtliche Leinwände absolut quadratisch und von gleicher Größe. Himbeerrot ist als Hintergrundfarbe dominierend. Den Vordergrund bestimmen vorwiegend Gegenstände des gewöhnlichen Alltagshaushalts, dargestellt in Form von schematischen Bildern, welche die Schnittstelle zwischen dem Gegenständlichen und dem Abstrakten bewohnen. Obgleich die spezifischen Objekte von Bild zu Bild variieren, stammen sie ausnahmslos aus der unmittelbaren Umgebung des trauten Heimes: kreisrunde Platten eines elektrischen Herds, kugelrunde Bedienungsknöpfe eines Fernsehapparats, eine weiße Hose, eine Bluse, einige Blumenkelche usw. Doch ein Gegenstand dominiert mit Abstand die Bildfläche: die Zunge.
Die Zunge ist das bei weitem größte Objekt der Bilder. Es besetzt den Mittelpunkt der Kompositionen und damit den Vordergrund der Aufmerksamkeit. Gleichsam den Darstellungen von Pharaonen in alt-ägyptischen Kunstwerken oder den Portraits von Adeligen des Mittelalters, sind auch diese zeitgenössischen Zungen übernatürlich groß geraten - zumindest größer als alle anderen Gegenstände. Damals wie heute heißt größer nicht zwangsläufig auch besser. Nichtsdestotrotz geht die zunehmende Größe mit zunehmender Bedeutung einher. Und in der Tat ist die Zunge von zentraler Bedeutung in Muderers neuester Bilderreihe. Denn sie hat die weißen wurst-ähnlichen Figuren, die vormals die Bühne beherrschten, weitgehend ersetzt. Nach wie vor sind zwar die bekannten Würste auch noch in Muderers neueren Bildern zu finden, doch sind sie viel kleiner geworden, aus der Bildmitte heraus und zur Seite gedrängt. Kann man diese Schrumpfung und Verschiebung der Würste als eine Andeutung verstehen, dass das individuelle Bewußtsein der Künstlerin einen Punkt erreicht hat, an dem sich die Wurst - das ehemalige Emblem des Körpers als sprachloses Fleisch, lediglich von einer dünnen verletzlichen Haut umhüllt - zur Peripherie zurückzieht und die Hauptarena, das Zentrum der Aufmerksamkeit, der Zunge überläßt? Und falls ja, warum?
Eine Wurst ist verschlossen, in sich geschlossen, abgeschnürt. Ein Mund dagegen kann abwechselnd zu- oder aufgesperrt werden. Als Tor zur Welt ist der Mund das Portal, durch welches Nahrung in den Körper hinein und Sprache aus ihm hinaus gelangen kann. Doch jeder Mund bleibt sprachlos ohne seine Zunge, welche in Muderers Bildern als optimale Metapher dient - nämlich als Symbol sowohl für fleischlich-leibliche Existenz an sich als auch für die Befreiung des Körpers aus der bloß physischen Existenz dank seiner Aneignung von Sprache. Die Fähigkeit des Menschen, sich selbst durch das gesprochene Wort auszudrücken, markiert den wohl entscheidendsten Schritt auf seinem Weg zur Selbstwerdung. Und welches Sinnbild wäre geeigneter als die Zunge, um Selbstbewußtsein, Selbstausdruck und das Wesen der Sprache zu verkörpern?
Gleichsam dem Naturforscher Humboldt in Südamerika oder Darwin auf dem Galapagos-Archipel, wagt sich Muderer über die Grenzen, welche die Erfahrung vieler ihrer Zeitgenossen umrahmen, weit hinaus. Auf ihren Forschungsreisen sammelt die Malerin Stichproben aus fremd-vertrauten Umwelten, trägt sie in die Konsensrealität zurück und bewahrt diese Versatzstücken in "quadratisch praktisch guten" Formaten, wo sie zu einem späteren Zeitpunkt weiter erforscht werden können. Und so wie die Weltreisen der frühen Naturforscher, erweitern auch Muderers Expeditionen unser Erfahrungsspektrum, indem sie die tatsächliche Vielfalt der Welt aufdecken - eine schöne, neue Welt, die förmlich darauf wartet, von ihr und uns entdeckt zu werden.
Howard Fine
Ulrike Muderer
Atelier im Glashaus
Hellabrunner Strasse 30
81543 München
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1965 geboren in München
1987-93 Studium Germanistik/Kunstpädagogik in München
1993 Staatsexamen
1996 DAAD Stipendium für Indien
seit 2001 Atelierförderung durch die Landeshauptstadt München
Einzelausstellungen/Auswahl
1995 Brokalhaus, München
1996 Max-Mueller Bhavan Pune, Indien
1998 Galerie Jawahar Kala Kendra, Jaipur, Indien
1999 Orangerie am Engl. Garten, München
2002 CP-Gallery, München
2004 Üblackerhäusl (Heimatmuseum des Münschner Stadtmuseums), München
2005 Galerie im Mondialhaus
2005 IVP Management (showroom ganzjähig)
Ausstellungsbeteiligungen/Auswahl
1993 S-Galerie, Nördlingen
1995 Galerie FORAUM, München
1997 Goethe-Institut, Amsterdam
1997 State Museum Majdanek, Polen
1999 Autorengalerie, München
2001 Galerie Mia, München
2002 Galerie Mia / CP-Gallery, München
2004 Juste Arte, München